Duisburger Jungenbüro

geschlechterreflektierte Pädagogik mit Jungen* in Duisburg - seit 20 Jahren
 

Herausforderungen und Widerstände  von weiblichen* Fachkräften  in der Arbeit mit jungen männlichen* Geflüchteten

von Susanne Reitemeier- Lohaus im Rahmen der Dokumentation des Projektes "Irgendwie hier" der LAG Jungenarbeit NRW" 2019 (https://lagjungenarbeit.de/files/lag_files/veroeffentlichungen/Broschueren/Irgendwie_Hier_Dokumentation_2019.pdf)„Ich als Frau, kann bei den Machos doch nichts machen!“ Nicht nur diese vielgehörte Aussage von weiblichen* Fachkräften impliziert die Notwendigkeit einer (intersektionellen) Gendersensibilisierung, denn diese Aussage ist Teil des Problems oder positiv formuliert der Auftrag geschlechterreflektierten Handelns. Diese Aussage ist einerseits zuschreibende Konstruktion und andererseits tatsächlich manchmal erlebte Realität von weiblichen* Fachkräften in der Arbeit mit jungen männlichen* Geflüchteten. Die fachliche Aufgabe an diesem Beispiel wäre nun sowohl das Konstrukt auf Seiten der weiblichen* Fachkraft zu reflektieren, als auch eine nichtzuschreibende Haltung zu entwickeln, um nicht erst dann einen Umgang zu finden, wenn sich dieser Hierarchiekonflikt aufgrund der gesellschaftlichen Wirkmächtigkeit der Kategorie Geschlecht durch ebensolches Performen zeigt. Die Notwendigkeit einer Gendersensibilisierung von (nicht nur, aber auch) weiblichen* Fachkräften in der Arbeit mit jungen männlichen* Geflüchteten ergibt sich aus natürlich noch vielfältigeren Gründen. 


(Mehrheitlich) Frauen* arbeiten in pädagogischen Berufen und somit mit Jungen* und eben auch mit geflüchteten Jungen*. Die Kategorie Geschlecht ist nicht nur grundsätzlich äußerst wirkmächtig, sondern ist im Arbeitssetting von Frauen* in der Arbeit mit geflüchteten Jungen* hier explizit aus diversen Perspektiven zu betrachten und zu reflektieren. Genau deshalb ist hier zu beleuchten, wie die pädagogische Arbeit von weiblichen* Fachkräften mit jungen männlichen* Geflüchteten gelingen kann und was dafür nötig ist. Genderzuschreibungen beeinflussen das Selbstbild der Fachkräfte, ebenso das der jungen männlichen* Geflüchteten. Gleichzeitig verhindern Genderzuweisungen durch die dadurch  eingeschränkte Perspektive auf das Gegenüber mit dem vermeintlichen Gegengeschlecht echte Kontakte im Arbeitssetting. Auch ist das Selbstbild von weiblichen* Fachkräften bezüglich des eigenen Standings von Genderzuschreibungen geprägt. Nicht selten gibt es die Befürchtung, nicht ernst genommen zu werden (Zitat: „Bei den Machos kann ich eh nichts machen“). Hier ist nicht nur die abwertende Selbstzuschreibung der weiblichen* Fachkräfte hemmend, sondern gleichzeitig werden den jungen männlichen* Geflüchteten pauschal traditionelle Männlichkeitskonzepte zugeschrieben. Sowohl die vermeintliche Perspektive auf sich selbst, als auch diese kulturalisierende und somit rassistische Sicht wirkt sich folglich hemmend auf die notwendige Beziehungsarbeit aus, macht sie tatsächlich sogar unmöglich.    Und natürlich werden weibliche* Fachkräfte auch jungen männlichen* Geflüchteten begegnen, die sich klassisch männlich inszenieren. Dies zeigt sich häufig, indem Jungen* weibliche* Fachkräfte auf zwei weiblich traditionelle Zuschreibungen reduzieren (fürsorglich-mütterlich und/oder sexualpartnerschaftlich) und somit Frauen* als nicht gleichwertig anerkennen in unterschiedlichsten Ausprägungen, von statuszuweisend abwertend bis zu „hofierend“. Auch wird hier oft der respektlose Umgang von Jungen* zu weiblichen* Fachkräften als kulturell bedingt interpretiert, die Genderzuschreibung wird also fatalerweise ethnisiert, kulturalisiert und islamisiert. Gleichzeitig bedienen sich geflüchtete Jungen* manchmal selbstethnisierender Argumentationen („bei uns machen das nie die Männer“). Wie schaffen hier weibliche* Fachkräfte die Balance von grundsätzlicher Wertschätzung und Anerkennung der jungen männlichen* Geflüchteten, einer klaren Grenzziehung bezüglich ihrer Erwartungen, Zuschreibungen und geschlechterhierarchischen Statuszuweisungen bei gleichzeitiger rassismuskritischer Haltung? Weibliche* Fachkräfte müssen/können sich die Fragen stellen, wie diese starren Genderzuschreibungen und Selbstverständlichkeiten zu reflektieren und zu brechen sind. Diese Frage ist Teil der Haltung: Wie hat sich meine Geschlechteridentität entwickelt? Reflektiere ich Geschlechterzuschreibungen? Wie kann ich als authentisches Role-Model im Arbeitsfeld Räume zur Verfügung stellen, die den geflüchteten Jungen* zwischen sicherheitsbietenden traditionellen Männlichkeitsbildern einerseits und unübersichtlichen Geschlechterwelten anderseits, Sicherheit und gleichzeitig die Möglichkeit von Orientierung ermöglichen? Und darüber (zwingend) hinaus: Was bedeutet  Genderkompetenz in Team und Einrichtung? Gelingende Arbeit kann dann entstehen, wenn sich weibliche* Fachkräfte mit den realen diversen individuellen Lebenswelten von geflüchteten Jungen* beschäftigen. Dieses Wissen über geschlechtsbezogene Anforderungen, Zumutungen und auch Belastungen, besonders auch hier im Kontext von Flucht, erweitert die Perspektive und Sichtweise auf die Jungen*. Dabei ist besonders hervorzuheben, dass nicht nur die eventuelle Sozialisation bzgl. traditioneller Männlichkeitskonzepte in den jeweiligen Herkunftsländern Beachtung finden sollte, oder Männermodelle auf der Flucht, sondern insbesondere eben auch die Anforderungen an sie als Jungen(ohne Asterisk) in der Aufnahmegesellschaft, die echte Verarbeitung von traumatischen Erlebnissen ebenso verhindert. 

Das Wissen um klassisch männliche* Bewältigungsstrategien, die natürlich durch die geschlechtsbezogen Anforderungen an Jungen*/ Männer* geprägt sind, also auch noch unter diesen extrem belastenden Bedingungen eine Verarbeitung eher verhindert und die möglichen Folgen dessen, ist hier hilfreich. Zwingend erforderlich ist auch das Bewusstsein über die Tatsache, dass natürlich auch nicht alle jungen männlichen* Geflüchteten ein heteronormatives Männerbild erfüllen und deshalb zusätzlichen Belastungen durch eventuelle Verfolgung, strukturelle Diskriminierungen, auch in der Aufnahmegesellschaft ausgesetzt sind. Diese Verletzungen und Nicht-Verarbeitung kann sich in sehr unterschiedlichen Verhaltensmustern äußern, von auffällig-unauffällig bis hin zu klassisch, traditionellen Männlichkeitsinszenierungen und Verhalten. Letztere bieten Jungen*, besonders auch in unsicheren und krisenhaften Lebenslagen Orientierung und Sicherheit. Traditionell männliches Verhalten kann eine Herausforderung für weibliche* Fachkräfte darstellen – zum Beispiel, wenn es ihnen in Form einer abwertenden Statuszuweisung entgegenschlägt. Einerseits ist es für die Arbeit wichtig, die Gründe des Verhaltens zu erkennen, also das zu betrachten, was hinter dem gezeigten Verhalten steht. Andererseits ist zugleich eine pädagogische Intervention und eine klare Grenzsetzung notwendig. Mit der Ambivalenz zwischen „klare Grenzziehung“ und „parteiliches und zugewandtes Handeln den Jungen* gegenüber“ müssen weibliche* Fachkräfte einen Umgang entwickeln. Hierfür brauchen weibliche* Fachkräfte eine Perspektive, die grundsätzlich auch die Opferseite von Jungen anerkennt, um Räume bieten zu können, die Sicherheit und Vertrauen bieten ohne kontraproduktiv geschlechtsstereotype Selbstinszenierungen. Junge männliche* Geflüchtete wahrzunehmen als junge Menschen, die sich sowieso in einer stark von Geschlechterthemen (Pubertät, Sexualität, Liebe, sexuelle Orientierung, Zukunft) geprägten Lebensphase befinden, und dazukommend durch den Kontext Flucht zusätzlichen geschlechtsbezogen Anforderungen und Zumutungen unterworfen sind, gehört zur Fachlichkeit. Können wir weibliche* Fachkräfte jungen männlichen* Geflüchteten in dieser unsicheren Lebensphase verlässliche reflektierte Erwachsene und Role-Models in den Paradoxien von einerseits angeblicher Eindeutigkeit von Geschlechterbildern und andererseits realen Vielfältigkeiten, die uneindeutig und kompliziert sind sein? Wir müssen es sogar, denn junge männliche* Geflüchtete brauchen reflektierte authentische Erwachsene jeglichen Geschlechts. Die Wirkmächtigkeit der Kategorie Geschlecht auf junge männliche* Geflüchtete wurde hier angerissen beleuchtet und impliziert somit eine geschlechtersensible reflektierte Professionalisierung von weiblichen* Fachkräften in der Arbeit mit genannter Zielgruppe. Dies ist notwendig, um auch jungen männlichen* Geflüchteten Entlastung und Orientierung zu bieten, in einem einengenden Gesellschaftssystem, welches durch hierarchische, ausgrenzende Einordnungen und Anforderungen, junge Menschen an der individuellen Entwicklung ihrer Persönlichkeit hindert, hier im speziellen zusätzlich auch unter den besonderen geschlechtsbezogenen Anforderungen und Belastungen im Kontext von Flucht. Grundlage für die Professionalisierung von weiblichen* Fachkräften ist die Bereitschaft bisherige Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen, die eigene Biografie bezüglich
Geschlechterfragen zu reflektieren. Hilfreich dabei ist eine sich selbst zugewandte fehlerfreundliche und durchaus eigenkritische Grundhaltung. Das Aushalten von Ambivalenzen, Widersprüchen und Paradoxien gehört hierbei zu einer Kernkompetenz. Grundlegend für eine förderliche Beziehungsarbeit mit jungen männlichen* Geflüchteten ist es flexibel und unaufgeregt mit Missverständnissen, insbesondere auch in Bezug auf Geschlechterzuschreibungen umgehen zu können und diese auszuhalten. Notwendig ist hierfür aber eine Haltung der Träger*in, die weiblichen* Fachkräften überhaupt erst ermöglicht in diesen Reflexionsprozess zu gehen; heißt Fortbildungen, Qualifizierungen ermöglicht, Zeitressourcen für das Teambuilding schafft, qualifizierte Begleitung des Prozesses ermöglicht. Grundlegend hier ist konsequenterweise auch Aufgabe der Träger*in das eigene Leitbild und Konzeption hierarchiekritisch einer Überprüfung zu unterziehen. Als hinderlich für diese individuellen Reflexionsprozesse der weiblichen* Fachkräfte wurde oft schon ein stark hierarchisches und nicht vertrauensvolles Verhältnis zu Vorgesetzten und Träger*in genannt. Zu überlegen ist, welche Schutzräume hier eingerichtet werden müssen. Wie gelingt auch sowohl in der Teamarbeit, als auch in der Fachkräftehierarchie, ein gegenseitig vertrauensvolles feedbacking, bei gleichzeitiger Anerkennung und Vermeidung der Reproduktion gesellschaftlich wirksamer Machthierarchien? Die Beleuchtung von Träger*in, Team, Konzept, Angebote, Einrichtung, Sprache, etc. auf intersektionelle Genderkompetenz ist professionelle Basis für die (nicht nur) Qualifizierung der weiblichen* Fachkräfte. 

Insbesondere ist die feministische antisexistische Solidarität der männlichen* Fachkräfte einzufordern. Grundlegend für den Prozess der Haltungsentwicklung weiblicher* Fachkräfte ist auch die ehrliche Analyse der Motivation Jungenarbeit machen zu wollen. Hier können Fallstricke liegen, die einen echten Kontakt und Beziehungsarbeit mit den jungen männlichen* Geflüchteten als Grundlage für weiteres pädagogisches Handeln verhindern, wenn die Motivation sich mit Jungen* zu beschäftigen, darin besteht sie „richtig zu machen“, zu korrigieren. Geschlechtersensible Arbeit von weiblichen* Fachkräften mit jungen männlichen* Geflüchteten kann nur gelingen, wenn sich mit den Jungen* aufgrund ihrer selbst beschäftigt wird. Einige weitere Motivationen bedienen deutlich Geschlechterstereotype, hier ist dringend Reflexion geboten: „Mütterliches“ Kümmern ist ebenso eine geschlechterstereotype Falle, wie die Übernahme des „Kümmerns“, weil die männlichen* Kollegen diesen Bedarf nicht sehen und somit nicht erfüllen. Der eigene Statusgewinn der weiblichen* Fachkräfte durch die Arbeit mit als schwieriger wahrgenommenen (geflüchteten) Jungen*, ebenso wie der Lustgewinn durch vermeintlich „mehr Action“ sind Fallen, die Geschlechterstereotype normieren, anstatt vielfältige Geschlechterwelten zu normalisieren. Ein Bewusstsein oder Entwicklung dessen über eigene Grenzen der weiblichen* Fachkräfte und dafür notwendige eigene Wertschätzung ist ebenso Teil des Reflexionsprozesses, wie eine positive Grundhaltung zu den jungen männlichen* Geflüchteten, bei gleichzeitigem Grenzbewusstsein. Die weiblichen* Fachkräfte sollten dabei nicht überbordend, aber dennoch klar und authentisch in ihrem Standing, heißt Auftreten, Eintreten und Meinung vertreten, sein, besonders bei den beschriebenen eventuellen Hierarchiekonflikten. 

Der Gewinn für die Arbeit mit geflüchteten Jungen* durch die intersektionelle geschlechterreflektierte Professionalisierung der weiblichen* Fachkräfte ist immens, hier seien nur einige grundlegende genannt. Eine Zielrichtung für die weiblichen* Fachkräfte in der Arbeit mit geflüchteten Jungen* ist die für die Beziehungsarbeit grundlegende echte Anerkennung und Wertschätzung durch das vermeintliche Gegengeschlecht, das Erkennen und Ansprechen der Täter- und Opferseite von Jungen. Unter anderem wird den Jungen* dadurch auch das Erleben von realen und vielfältigen authentischen Weiblichkeiten* ermöglicht, angebliche Eindeutigkeiten von Geschlechterbildern werden irritiert. Die Sensibilität für die eigenen Bedürfnisse und Grenzen und somit auch Anderer, können von den jungen männlichen* Geflüchteten anhand der authentisch ihrer Grenzen bewussten, empathische agierenden, kommunikativen etc. weiblichen* Fachkräfte, erlernt und übernommen werden. Dies schützt sie nicht nur vor eventuell klassisch männlichem Risikoverhalten, sondern unterstützt die schon beschriebene Notwendigkeit und dadurch erst Möglichkeit der Verarbeitung erlebter Verletzungen durch die Flucht und geschlechtsbezogener Belastungen. Die Basisfragen sind weiterhin umrissen mit der Fragestellung, wie wir (nicht nur) im Arbeitsfeld mit jungen männlichen* Geflüchteten einem pädagogischen Handeln entkommen, welches so oft defizitorientiert ausgerichtet ist. Dies greift aber insbesondere nochmals in diesem Arbeitsfeld durch paternalistische Sichtweisen auf junge männliche* Geflüchtete und daraus resultierende fragwürdige pädagogische Interventionen. Genau das Gendercrossing kann unreflektiert ebensolche zuschreibenden Perspektiven verstärken und die tatsächliche Chance des Brechens von Hierarchien geht verloren. Es gilt eben auch hier die Jungen* als Experten* und vor allem Entscheider* ihrer Lebenswelt zu respektieren. Die Professionalisierung und Qualifizierung von weiblichen* Fachkräften in der Arbeit mit jungen männlichen* Geflüchteten ist als gewinnbringender dauerhafter Prozess einer Haltungsentwicklung (der gesamten Träger*in) zu begreifen.

 
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